100 Jahre Stadterhebung Scheibbs: Ein fast vergessenes Jubiläum

Der Scheibbser Stadtarchivar Johann Schagerl mit dem historischen Sitzungsprotokoll

Scheibbs ist zu Recht stolz auf seine Geschichte. Aber es gibt da eine bemerkenswerte Stelle in dieser Historie, die ein wenig verrutscht ist. Denn während das Jahr 1352 als Gründungsjahr der Stadt im kollektiven Gedächtnis verankert ist, geriet ein anderes, ein nicht weniger bedeutendes Datum in Vergessenheit: der 26. Juni 1926 – der Tag, an dem Scheibbs tatsächlich offiziell und mit Brief und Siegel zur Stadt wurde. Warum ist das so? Ein Gespräch mit dem Stadtarchivar Professor Johann Schagerl über ein Jubiläum, das erst jetzt seinen verdienten Platz im Bewusstsein der Scheibbser findet.

LANGER WEG VOM MARKT ZUR STADT

Unsere Geschichte zur Geschichte beginnt im 14. Jahrhundert. Herzog Albrecht richtete Scheibbs im Jahr 1352 feierlich und sinngemäß aus: „Ich will Euch Stadt nennen, wenn Ihr diesen Ort mit einer Mauer umfängt.“ Doch was wie eine Stadterhebung klingt, war in der Praxis eine Absichtserklärung mit Bedingung. Und die Erfüllung dieser Bedingung dauerte rund 200 Jahre. Selbst für bürokratische Mühlen eine sehr lange Zeit. Und im 16. Jahrhundert kam auch niemand auf die Idee, dass die Bedingungen des Herzogs mit der Fertigstellung der Stadtmauer endlich erfüllt waren.

Und überhaupt: Scheibbs sah sich selbst stets als Markt, nicht als Stadt. Ein Blick auf das große Votivbild im Rathaussaal aus dem Jahr 1681 bestätigt, „dass der Löbl. Marckt Scheibbs und die ganze Pfarrgemeinde“ das Bild aus „Dankbarkeit vor Verschonung vor Pest und Feuer“ stifteten. Obwohl sich Scheibbs über die Jahrhunderte vor allem zu einem bedeutenden Handelszentrum entwickelte, blieb es ein Markt: Sowohl im Selbstverständnis seiner Einwohner als auch der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten.

Mit dem von Kaiser Ferdinand im Jahr 1537 verliehenen Wappen an die Bürger und Untertanen „unseres Markths zu Scheybs“ waren weitreichende wirtschaftliche Vorteile verbunden. Der wöchentliche Markttag am Dienstag und das Privileg eines großen Jahrmarkts rund um den Magdalenstag mit „Stoffen, Leder und allerlei anderen Waren“. Vor allem aber prägte der Handel mit Eisenwaren entlang der sogenannten Eisenstraße über Jahrhunderte die Region, wodurch auch Provianthändler, Fuhrleute, Wirte, Handwerker und Bauern zu bescheidenem Wohlstand kamen.

Zwischen dem mächtigen Kartausenvorsteher, dem Prior, und dem weltlichen Amtsrichter im Rathaus auf der anderen Seite gab es immer wieder Reibereien, vor allem wegen Abgaben und Einfluss auf wichtige Entscheidungen. Bedeutend genug, um sich Stadt zu nennen, war Scheibbs jedenfalls. Das offizielle Stadtrecht wurde allerdings nie verliehen.

DER POLITISCHE WILLE ZUR STADTERHEBUNG

Das änderte sich im Frühjahr 1926. Am 20. März beschloss der Gemeinderat in vertraulicher Sitzung, an den Landtag Niederösterreich ein Ansuchen um Stadterhebung zu stellen. Treibende Kräfte dahinter waren Bürgermeister Rudolf Radinger und Vizebürgermeister Leopold Traunfellner, der als Landtagsabgeordneter gute Kontakte zum Landeshauptmann pflegte. „Die Voraussetzungen waren günstig“, weiß Johann Schagerl. „Scheibbs hatte in den Jahrzehnten zuvor enorme Entwicklungsschritte gemacht. Das wollte man auch nach außen zeigen.“ Denn Scheibbs hatte sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant entwickelt und wesentliche städtebauliche Projekte verwirklicht. 1886 brannte hier die erste elektrische Straßenbeleuchtung und im selben Jahr wurde die öffentliche Badeanstalt eröffnet. Es war die erste ihrer Art in Niederösterreich. 1894 zog die Bürgerschule ins neu errichtete Schulgebäude ein. Vorerst noch als reine Knabenschule mit kaufmännischem und landwirtschaftlichem Schwerpunkt. Auch Schüler aus dem gesamten Umland waren willkommen. Einige Jahre später konnten auch Mädchen diese Schulform besuchen. 1897 bekam Kapellmeister Michael Schachenhofer die Lizenz zur Errichtung einer öffentlichen Musikschule. Das große Anliegen einer zentralen Wasserversorgung wurde verwirklicht und fand 1898 mit dem Bau des repräsentativen Brunnens vor dem Rathaus seinen Abschluss. Ein weiterer Höhepunkt war der Bau des Krankenhauses mit Fertigstellung und Eröffnung im Jahr 1910.

„Scheibbs, war auf der Höhe der damaligen Zeit“, sagt Schagerl. „Hauptort der Region, Bahnanbindung, moderne Infrastruktur, lebendiges Bürgertum und ein reges Vereins- und Kulturleben. Der Antrag auf den Stadtstatus war ein Ausdruck dieses Aufschwungs.“

Hinzu kam die bereits eingesetzte Entwicklung als Sommerfrischeort. Es entstanden elegante Jugendstilvillen, wohlhabende Wiener Familien verbrachten die warme Jahreszeit im Erlauftal. Ingenieure und Fachkräfte, die am Bau der Wiener Wasserleitung beteiligt waren, fanden Aufnahme und Anschluss in den örtlichen Vereinen. Es gab also gute Verbindungen und Vernetzungen miteinander. Adel und gehobenes Bürgertum gaben der Gegend ein mondänes Flair: Schloss Lehenhof, Schloss Ginselberg, die Villa Österreicher und Schloss Neubruck: die bessere Gesellschaft war präsent.

Am 20. März 1926 war es schließlich so weit: In einer nicht-öffentlichen Sitzung des Gemeinderates wurde beschlossen, an den niederösterreichischen Landtag den Antrag zur Stadterhebung zu stellen. Am 26. Juni um 17 Uhr tagte dann im Rahmen einer Festsitzung zum ersten Mal der Gemeinderat der Stadt Scheibbs. Nach entsprechender Vorbereitungszeit wurde das Ereignis dann Anfang Oktober mit einem aufwändigen Festzug gemeinsam gefeiert.

DAS VERGESSENE JUBILÄUM

Und dann? Dann wurde das Ganze erstaunlich schnell vergessen. „Es waren wahrscheinlich mehrere Gründe, warum 1926 so lange im Schatten stand“, sagt Schagerl. Der Zweite Weltkrieg unterbrach Gewohnheiten und den üblichen Lauf des städtischen Lebens. Das Bewusstsein dafür hat sich nie wirklich festgesetzt. Sogar im Schulunterricht war dieses Datum kaum Thema. Das Jahr 1352 mit seiner mystisch-mittelalterlichen Aura und dem Herzog in der Hauptrolle war schlicht die eingängigere Geschichte.

WIEDERENTDECKUNG UND NEUES BEWUSSTSEIN

Es war Archivar Schagerl selbst, der das Jubiläum wieder ins Licht rückte und der auf die Bedeutung des Jahres 1926 in der Stadtgeschichte hinwies. „War die Reaktion der Bevölkerung vorerst gespalten, gibt es jetzt meistens positive Resonanz“, berichtet er. Mit einer Auslagenaktion, die das Scheibbs des Jahres 1926 lebendig werden ließ, und einem eigens erstellten Programm zum Jubiläum wird das Gedächtnis aufgefrischt. „Die Menschen sind neugierig auf ihre eigene Geschichte. Man muss sie ihnen nur richtig erzählen.“

100 JAHRE WERDEN GEFEIERT

Heute, ein Jahrhundert nach der Stadterhebung, ist Scheibbs eine selbstbewusste Kleinstadt, Bezirkshauptstadt und Verwaltungszentrum mit viel Leben und Möglichkeiten. Und jetzt findet auch das Jahr 1926 seinen Platz im Selbstverständnis der Stadt.

„Scheibbs ist 1926 mit Brief und Siegel Stadt geworden. Das hat man damals gut überlegt und vorbereitet. Die Feiern waren sehr umfangreich und aufwändig geplant. Für damalige Verhältnisse eine organisatorische Höchstleistung. Und es ist gut, dass wir uns daran erinnern und das Jubiläum auch 100 Jahre danach bewusst feiern“, sagt Johann Schagerl.

Auszug aus dem Otto