
Das Stadtwappen
Rund um das Scheibbser Stadtwappen (von Hans Hagen Hottenroth)
Die Stadt Scheibbs hat ein besonders schönes Renaissancewappen, das ihr 1537 von Kaiser Ferdinand I. in Anerkennung der tapferen Verteidigung des Orts im Türkenkrieg von 1529 verliehen wurde. Es zeigt in dem längs geteilten Schild drei Scheiben, die auf die Schießscheiben der Scheibbser Bürger hinweisen, die durch das Scheibenschießen im Gebrauch der Waffen geübt waren.
Der Wilde Mann, der über dem eigentlichen Wappenschild dargestellt ist, war im 16. Jahrhundert eine häufige, ganz typische Wappenfigur, die der Sage (den Sagen) nach Beschützer des Waldes und des Wildes, in unserem Fall eben auch der Bürgerschaft war...
Der Wilde Mann ist vom frühen Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit im Volksglauben des germanischen und slawischen Sprachraums ein anthropomorphes Wesen. Er wurde als einzelgängerischer, mit Riesenkräften ausgestatteter, stark behaarter, nackter oder nur mit Moos oder Laub bekleideter Urmensch beschrieben oder dargestellt. Seine Lebensweise galt einerseits als halbtierisch und primitiv, andererseits aber auch als paradiesisch und naturverbunden. Für seinen bevorzugten Aufenthaltsort hielt man unbewohnte oder unbewohnbare Wald- und Berggebiete. – (wikipedia)
Er tritt immer fast nackt und stark behaart aus dem Wald heraus auf die Menschen zu, oft mit einer Keule in der Hand, man kennt ihn als Schildträger auf Brunnensäulen, sehr häufig auf Münzen und vielen anderen Bildträgern (ausführlich und interessant in Wikipedia).
Die Sage, nach welcher unser Wilde Mann aus dem Burgerhof-Wald auf die Scheibbser zugekommen wäre mit einer Kugel in der Hand und der Aufforderung „scheibts“, wovon sich der Name Scheibbs ableiten sollte, passt gut in die Sagen und mythischen Vorstellungen, die bis ins Altertum zurückreichen.
Interessant ist, dass im Wappenbrief Ferdinands I. Scheibbs als Markt bezeichnet wird, obwohl es schon unter Herzog Albrecht II. eine Stadterhebung gegeben hatte. Dieses erste Stadtrecht wurde entweder im Laufe der Jahre wieder vergessen oder wieder aberkannt – wir wissen es nicht.
Wappenbrief bunt
Das prächtige Stadtwappen aus Keramik, das an der Fassade des Rathauses zu sehen ist, wurde in der Keramikfabrik des Herrn Ludwig Weinbrenner in den Jahren 1925/26 entworfen und in die Form gebracht und der Stadt Scheibbs 1926 zur Stadterhebung geschenkt.
Das Modell schuf der Keramiker Johann Illek in freiwilliger (unbezahlter!) einjähriger Arbeit in seinem kleinen Häuschen in Heuberg, wodurch die ganze Familie ein ganzes Jahr lang räumlich sehr beengt und eingeschränkt war. Illek modellierte in seiner Freizeit immer wieder Entwürfe, bis vom Modell die Gipsform abgenommen werden konnte…
Das Wappen besteht aus 30 Platten zu je 27 x 28 cm, was eine Gesamtgröße von 162 x 140 cm ergibt. Die Glasur stammt von Alois Illek (Sohn von Johann I.), der dazu viele Proben machte und sogar nach Fanenza reiste, um in der bekannten Keramikstadt in Italien die Technik zur Herstellung witterungsbeständiger Glasuren zu erkunden.
Das Wappen ziert nun seit 100 Jahren ohne jeden Schaden durch Hitze, Regen, Hagel, Kälte u. a. das Rathaus.
Johann IIlek modellierte das gesamte Wappen als Relief, damit ist das Wappenbild die erste plastische Darstellung des Stadtwappens. Zum Dank für seine Arbeit wollte die Gemeinde Johann Illek das Häuschen, das er in Heuberg mit seiner Familie bewohnte, schenken, aber Illek nahm dieses Geschenk nicht an. Stolz? Bescheidenheit? Er war sich jedenfalls zu gut. Als 1933 die Firma schließen musste, waren alle Illeks – wie auch alle anderen Keramiker der Tonindustrie Scheibbs arbeitslos und ohne jedes Einkommen, da wäre ihnen das Haus mit Garten gut angestanden!
Die Keramiker Illek stammten aus Mähren, hatten in Frainersdorf (Vranovska Ves) bei Znaim bei dem Hafnermeister Steiner gelernt und waren später nach Mürzzuschlag zur Firma Birnstingl (Mürztaler Keramik) gezogen. Als Birnstingel 1922 in Konkurs ging, fanden die Illeks bei Ludwig Weinbrenner1923 in Scheibbs eine neue Arbeitsstätte. Als 1933 Weinbrenner Konkurs anmelden musste, hatte der junge Birnstingl in Mürzzuschlag die Keramikproduktion seines Vaters wieder aufleben lassen und die Illeks übersiedelten zurück in die Steiermark. Sie nahmen viele Entwürfe und Modelle aus Scheibbs mit, und so tauchen heute immer wieder bekannte Scheibbser Modelle auch mit dem Firmenlogo der Mürztaler Keramik auf
Der „alte“ Illek, Johann verschwand eines Tages und tauchte nie wieder auf. Man rätselte, ob er seinem geliebten Chef Weinbrenner nach Südamerika nachgereist war, wohin der vor Furcht vor den gerichtlichen Folgen seines Konkurses geflüchtet war, er ist aber dort nie angekommen, oder ob er bei einer seiner Gebirgstouren in eine Fels- oder Gletscherspalte gefallen wäre – er wurde nie gefunden.
Alois Illek wich 1945 den anrückenden russischen Truppen nach Salzburg aus und machte sich selbständig. Er erzeugte neben Gebrauchskeramik viele Souvenirartikel für die amerikanischen Offiziere und die ersten Touristen. Hilde Heger schätzte ihn sehr, heikle Arbeiten ließ sie gern bei ihm brennen, sie bezeichnete ihn in ihren Erinnerungen (1993) als begeisterten Vollblutkeramiker.
